Was ist »Modernität«? Worin besteht eine moderne Erfahrung, wenn der Begriff der »Erfahrung« das historische Verhältnis von Subjektivitätsformen, Objektivitätsstrukturen und Konformitätsprinzipien bezeichnet? Und wie kann man Modernität denken? – Die Fragen markieren das analytische Koordinatensystem, in dem die Texte dieser Seiten Elemente einer Theorie der Moderne sind.
Es sind Texte über Kontingenz, ihre kulturelle Positivität und ihre soziale Normalisierung – über das Verhältnis von Moderne, Postmoderne und Klassischer Moderne – über Architekturen organisierter Vergesellschaftung, Räume organisierter Selbstentfaltung und über die politische Logik totalitärer Infrastrukturen – über urbane Revolten, metropolitane Lebensformen und den Möglichkeitssinn als Modus der Existenz – über Krisendiskurse, Krisenerfahrungen, Hoffnungen und die konstitutive Ambivalenz der Mobilität – über die Mittelschicht, die Massenkultur und die kommunikative Ästhetisierung des Sozialen – über die Grenze, den Horizont, das Meer, das Hansaviertel und den Potsdamer Platz – über die Romantik, die Avantgarde, die moderne Literatur und die abstrakte Malerei – über den Fortschritt, den Wettbewerb, die Konkurrenz und den sozialen Zwang zur permanenten Optimierung.
Die Theorie der Moderne, die in diesen Texten entfaltet wird, begreift Modernität als Kultur der Kontingenz – das heißt als spezifisches Selbst- und Weltverhältnis, in dem das, was ist, auch anders möglich ist. Ordnungen sind in dieser Kultur veränderbar, Wirklichkeiten sind perspektivisch und Selbstverhältnisse sind reflexiv. Kontingenz ist in dieser Theorie deshalb nicht nur die negative Nebenfolge von Modernität, sondern vor allem ihre positive Voraussetzung. Dennoch ontologisiert sie die Kontingenz nicht. Sie analysiert Kontingenz vielmehr als allgemeine Modalstruktur eines historischen Selbst- und Weltbezugs. Das unterscheidet sie von den melancholischen Theorien der Moderne, die Modernität als Verlust von Sinn, von Bedeutung, von Substanz oder von einer konkreten Totalität der Erfahrung begreifen. Diese Theorie der Moderne teilt solche Deutungen nicht. Ihre methodische Haltung ist vielmehr die kalkulierte Distanz zu kulturkritischen Diagnosen und sozialkritischen Problematisierungen, die Modernität vor allem im Horizont des Mangels bestimmen. Deshalb ist Kontingenz in dieser Theorie der Moderne auch kein Defizit und kein Fluch; sie bedeutet nicht Sinnlosigkeit und sie manifestiert sich nicht nur als Unsicherheit, Ungewissheit oder Orientierungslosigkeit. Kontingenz ist hier in erster Linie Möglichkeitsoffenheit. Es ist eine Offenheit, die sich konkret in der Pluralität gegenwärtiger Lebensformen und abstrakt in der Potentialität ihrer zukünftigen Alternativen realisiert. Und »Modernität« ist der Name für die kulturelle Form, in der diese Möglichkeitsoffenheit institutionalisiert wird. Er steht für das besondere Selbst- und Weltverhältnis einer Gesellschaft, die sich in organisierter Unbestimmtheit konstituiert.
Alle Texte dieser Seiten wurden bereits an anderen Orten publiziert und werden hier als digitale Sammlung präsentiert. Die meisten Aufsätze, Essays und Studien sind hier außerdem in ausführlichen Abstracts zusammengefasst. Die Bilder, Photos und Objekte dieser Seiten sind allerdings keine Elemente dieser Theorie. Sie stehen vielmehr für das Andere der Theorie. Also einfach für sich selbst.