2020 – ...

Feindschaft. Die absolute Grenze des Sozialen.

Der Text untersucht Feindschaft als soziale Kategorie sui generis, die sich von allen anderen Formen negativer Sozialverhältnisse – Konkurrenz, Rivalität, Diskriminierung, Ressentiment, Gewalt – unterscheidet, weil sie nicht die äußerste Steigerung eines Kontinuums dieser Sozialverhältnisse ist, sondern deren diskontinuierlicher Bruch. Ihr konstitutives Moment ist schließlich die reale Möglichkeit der physischen Vernichtung des Anderen. Dadurch markiert sie die absolute Grenze des Sozialen. In drei Abschnitten, die jeweils von einer Lesart des Pascal'schen Dialogs »Warum tötet ihr mich?« ausgehen, werden unter dieser Prämisse zunächst drei Konzepte der Feindschaft diskutiert. Bernhard Waldenfels untersucht philosophisch den Umschlag von Fremdheit zu Feindschaft und typologisiert drei historische Formen des Feindbildes, ohne jedoch den ontologischen Bruch zureichend zu begründen. Helmuth Plessner leitet die Freund-Feind-Relation anthropologisch aus der unheimlichen Daseinslage der rückhaltlosen Immanenz ab, wodurch sich die Absolutheit der Feindschaft in die Relativität variabler Abträglichkeiten auflöst. Carl Schmitt schließlich bestimmt Feindschaft politologisch als den äußersten Intensitätsgrad einer Dissoziation, die auf die Negation der eigenen Existenzart reagiert, womit er Feindschaft modal- statt strukturtheoretisch fasst und die Kontingenz hervorhebt, die ihr den Charakter einer willkürlichen Dezision verleiht. Der abschließende Bezug auf Jacques Derridas dekonstruktiver Schmitt-Lektüre zeigt, dass diese den Feindbegriff erst gar nicht diskutiert. Demgegenüber versteht der Text Feindschaft als Konflikt inkommensurabler Weltverhältnisse, der eine ontologische Dimension annimmt, wenn hegemoniale Ansprüche der einen Seite auf Selbstbestimmungsansprüche der anderen Seite stoßen. Der Angriff Russlands auf die Ukraine ist die politische Realprobe dieser Konstellation. Der Text schließt mit der These, dass das Umschlagen von Fremdheit in Feindschaft das ungelöste Zentralproblem jeder Theorie der Feindschaft bleibt, auch wenn es soziologisch nur ein Grenzproblem zum unendlichen Jenseits des Sozialen ist.

Zur Modalstruktur des »Möglichkeitssinns« in Robert Musils Roman »Der Mann ohne Eigenschaften«.

Den Ausgangspunkt der Argumentation bildet die These, dass der Conjunctivus potentialis nicht nur inhaltlich, sondern auch formal den Schlüssel zu Musils Romankonzeption bildet, weil er die Sprachform, die Komposition und den modaltheoretischen Sachverhalt des gesamten Textes durchzieht, wie Albrecht Schöne erklärt hat. Der Text erschließt den Möglichkeitssinn als spezifisch moderne Disposition. Sie basiert auf der neuzeitlichen Unterscheidung von Realität und Fiktion, die eine Metareflexion voraussetzt, in der das Fiktive über seinen eigenen Funktionszusammenhang aufgeklärt ist, wie Dieter Henrich betont hat. Aus dieser Reflexivität ergibt sich eine Binnendifferenz zwischen gebundener Fiktivität, die in einen kosmologischen oder eschatologischen Rahmen eingebettet ist, der sie finalisiert, und einer freien Fiktivität, die in keine externe Finalität eingebunden ist. Der Möglichkeitssinn in Musils Roman wird allerdings zudem durch eine freie Fiktivität bestimmt, die im Sinne von Hans Blumenbergs Begriff der Selbsterhaltung intransitiv und deshalb weder auf konkrete Objekte noch auf bestimmte Ziele gerichtet ist. Daraus resultiert eine Finalisierungsoffenheit, die jede Finalisierung zulässt und zugleich als kontingente relativiert. Der Möglichkeitssinn ist damit – anders als Musil erklärt – keine utopische, sondern eine optimierungslogische Disposition. Sein ontologischer Ort ist die abstrakte möglichkeitsoffene Modalstruktur, die sich in der Moderne als Dispositiv der permanenten Überbietung durch die Gleichwertigkeit von Realität und Fiktion etabliert hat. Die scheinbar fragmentarische Gestalt des Romans entspricht dieser Modalstruktur, weil die Unabschließbarkeit seiner Handlung die logische Konsequenz eines Leitmotivs ist, das jeden Abschluss strukturell ausschließt.

Die Romantisierung der Welt vor dem Gesetz der Avantgarde.

Der Text entwickelt eine systematische Unterscheidung zwischen dem ästhetischen Konstruktivismus der Romantik und demjenigen der Avantgarde, indem er die These einer funktionellen Kontinuität zwischen beiden bestreitet. Es gibt zwar den gemeinsamen programmatischen Anspruch, die Differenz von Kunst und Leben aufzuheben und eine neue Totalität der Erfahrung zu konstituieren. Aber die strukturelle Differenz beider Projekte reicht tiefer, weil sie eine modalontologische Qualität hat. Die romantische Unendlichkeit, wie sie Schlegel und Novalis konzipiert haben, ist eine konnexionistische Unendlichkeit des Zusammenhangs und der Intensität, die das Endliche durch reflexive Verdichtung intensiviert. Dem gegenüber ist die Unendlichkeit der Avantgarde eine konstruktivistische Unendlichkeit des Fortgangs und der utopischen Überbietung, die von der Dialektik von Destruktion und Konstruktion bestimmt ist, die Helmuth Plessner als Gesetz der Avantgarde bezeichnet hat und die auf die definitive Konstruktion einer neuen Totalität der Erfahrung zielt. Das avantgardistische Projekt schließt damit die Möglichkeitsoffenheit der romantischen Ironie ebenso aus wie die konnexionistische Offenheit des romantischen Fragments. Die zentrale Argumentationslinie unterscheidet die romantische Poetik des Werdens deshalb von der avantgardistischen Praxis des Machens: Wo die poetische Logik der Romantik das ästhetische Objekt als ontologisch mehrdeutigen Gegenstand offen hält, duldet die instrumentelle Logik der Avantgarde keine strukturelle Mehrdeutigkeit, weil diese das Definitive jeder Utopie unterminiert. Deshalb hat das genuin gegenromantische Moment der Avantgarde nicht historisch-akzidenzielle, sondern substanzielle Qualität. Es besteht in der Rückhaltlosigkeit, mit der das Gesetz der Avantgarde durch den totalen Bruch mit der Vergangenheit eine geschlossene, auf diskontinuierliche Zukunft ausgerichtete Modalstruktur erzwingt, die der offenen Reflexionsunendlichkeit der Romantik vollkommen inkommensurabel ist.

Kontingenz des Lebens.

Der Text stellt die Frage, was die Formel von der Kontingenz des Lebens über dessen bloße Unbestimmtheit oder Unbestimmbarkeit hinaus bedeuten kann. Er beantwortet diese Frage aus zwei theoretischen Perspektiven, die unabhängig voneinander die philosophische und die politische Zentralität des Lebens in der Moderne problematisiert haben. Die erste Perspektive ist Helmuth Plessners Historisierung des Lebens als epochencharakteristischen Erlösungsbegriff, der das Leben als Signum einer spezifischen kulturellen Formation und nicht als anthropologisches Apriori ausweist. Die lebensphilosophische Ontologisierung der Unbestimmbarkeit, die das Leben zum Inbegriff des Unverfügbaren macht, wird dabei als immanente Abschlussmetaphysik kritisiert, die heilsgeschichtliche Restbestände in säkularer Gestalt perpetuiert. Gegen sie setzt Plessner die Unendlichkeit möglicher Bestimmungen des Lebens. Die zweite Perspektive ist Michel Foucaults Konzept der Bio-Macht. Mit dem Eintritt des Lebens in die Geschichte wird das Leben zum Objekt politischer Technologien, die es steigern, normalisieren und regulieren. Entscheidend ist dabei, dass auch der Widerstand gegen diese Macht sich auf dasselbe Objekt bezieht, nämlich das Leben als Inbegriff von Bedürfnissen, Anlagen und Möglichkeiten des Menschen. In der Synopse beider Perspektiven wird die gemeinsame modalontologische Basis dieser epochalen Zentralität des Lebens erkennbar, nämlich die Ambivalenz des Kontingenzbegriffs zwischen Verfügbarkeit und Unverfügbarkeit. Die Kontingenz des Lebens meint dann nicht die Möglichkeit, das Leben schlechthin zur Disposition zu stellen, sondern den Verlust seiner präreflexiven Evidenz und seine doppelte Konzeptualisierung als Residuum der Unverfügbarkeit oder als Objekt der Verfügung. Der Absolutismus des Lebens, der daraus resultiert, hat zwei Pole, nämlich den lebensphilosophischen der Unbestimmbarkeit und den lebenstechnologischen der Bestimmbarkeit, die keine Gegensätze, sondern dessen komplementäre Erscheinungsformen sind. Gegen ihn wird der Begriff der Identität zum Ausdruck des Widerstands und zum aktuellen erlösenden Wort.

Das visuelle Ende des Signifikanten. Zu Barnett Newmans »Who’s Afraid of Red, Yellow and Blue IV«.

Der Essay interpretiert Barnett Newmans Monumentalwerk als den ultimativen Endpunkt der abstrakten Malerei. Er argumentiert, dass Newman die Farbe damit endgültig von ihrer instrumentellen Rolle befreit hat, weil sie nicht mehr dazu dient, eine äußere Wirklichkeit, ein symbolisches System oder eine metaphysische Ordnung zu repräsentieren. Während die klassische europäische Moderne etwa im Kubismus oder bei Piet Mondrian trotz radikaler Abstraktion stets versuchte, allgemeine Bauprinzipien der Welt oder harmonische Ordnungssysteme abzubilden, vollzieht der Abstrakte Expressionismus den Bruch mit der Repräsentationsfunktion, in die die klassisch-moderne Abstraktion noch eingebunden ist. Diese Abstraktion zweiter Ordnung verweigert sich einer überschaubaren Komposition und setzt stattdessen auf eine performative Asignifikanz. Das bedeutet, dass das Bild keine übergeordnete Bedeutung mehr transportiert, sondern die reine, sinnliche Präsenz des Materials und der Farbe in den Vordergrund rückt. In dieser radikalen Abkehr von der Repräsentation, die noch im Auslaufhorizont der europäischen Melancholie steht, die stets nach einem stabilisierenden Ordnungsprinzip suchte, manifestiert sich ein neues Weltverhältnis abseits der europäischen Tradition. Das Kunstwerk wird zu einem Erfahrungsraum der absoluten Immanenz, deren performative Gegenwärtigkeit den visuellen ästhetischen Ausdruck einer säkularen und globalisierten Moderne bildet.

Moderne Hoffnungen. Individuelle Erwartungen im Zeitalter der entgrenzten Möglichkeiten.

Der Essay setzt mit Kants dritter Vernunftfrage – Was darf ich hoffen? – an, in der die Hoffnung zwar eine anthropologische Grundkategorie ist, aber durch ihre Orientierung an Glückseligkeit und Sittlichkeit auch in den moralischen Horizont einer bestimmten Gesellschaft eingebettet wird. Dieser doppelte Charakter der Hoffnung bildet den Ausgangspunkt für die historisch-systematische Analyse ihrer modernen Struktur. Der Prozess, den Reinhart Koselleck als Auseinandertreten von Erfahrungsraum und Erwartungshorizont beschrieben hat, führt zur Orientierung des Denkens und Handelns an fiktional erschlossenen Möglichkeiten einer offenen Zukunft. Die Französische Revolution erschließt auf diesem Hintergrund eine neue Zeitstruktur, in der die Diskontinuität von Herkunft und Zukunft zur gesellschaftlichen Selbstverständlichkeit wird. Und die Hoffnung, sich selbst zu leben, wie Johann Wolfgang Goethe schrieb, wird zur normativ aufgeladenen Formel moderner Selbstentfaltungserwartungen. Die Normalisierung dieser Hoffnung in der individualisierten massendemokratischen Mittelschichtgesellschaft des späten 20. Jahrhunderts korrespondiert mit einer antizipatorischen Sozialisation, die eine zieloffene Lebensführung und die prinzipielle Offenheit des Möglichkeitshorizonts zur Selbstverständlichkeit einer Vergesellschaftung macht, die in sozialer Mobilität begründet ist. In diesem Kontext wandelt sich die moderne Hoffnung, weil der Zwang zur permanenten Statusarbeit und die Dominanz einer abstrakten Optimierungsrationalität die Hoffnung auf Selbstentfaltung in den permanenten Wettbewerb des Wirklichen mit dem Möglichen überführen. Die moderne Hoffnung, sich selbst zu leben, zerfällt unter diesen Bedingungen in zwei gegensätzliche Ausfaltungen, nämlich in die intransitive Selbstentfaltung im Horizont eines offenen Möglichkeitshorizonts einerseits und in den Widerstand gegen diese Abstraktion im Medium konkreter Identitäten andererseits. Die aktuellen Identitätspolitiken erweisen sich in dieser Perspektive als konkrete, transitive Gegenform zu jener abstrakten Möglichkeitsoffenheit, die das Selbstverhältnis der modernen Mittelschichtgesellschaft bestimmt.

Die Legitimität der Kontingenzkultur.

Der Text antwortet auf Axel T. Pauls Kritik an Michael Makropoulos' Theorie der Moderne. Paul unterscheidet vier bereichsspezifische Formen der Kontingenz zwischen dem Spätpaläolithikum und der Gegenwart, nämlich die Kontingenz des sozialen Handelns, der politischen Ordnung, der äußeren Natur und schließlich der menschlichen Natur. Die Replik zeigt zunächst, dass Pauls Typologie auf einer systematischen Reduktion des Kontingenzbegriffs beruht. Sie blendet die reflexive Tiefenstruktur des neuzeitlichen Kontingenzbewusstseins aus und ersetzt sie durch eine Taxonomie operativer Kontingentsetzungen. Dadurch verliert der Begriff seine analytische Schärfe. Im Anschluss an Hans Blumenbergs Konzept der Kontingenzkultur hält der Text daran fest, dass die Neuzeit gerade nicht eine bereichsspezifische, sondern eine umfassende, modalontologisch fundierte Einstellung zur Wirklichkeit konstituiert, eben die Überzeugung, dass nicht sein muss, was ist. Diese Einstellung ist nicht auf einzelne Sachbereiche beschränkt, sondern durchdringt das Weltverhältnis der Moderne als ganzes. Das verschiebt die Legitimationsproblematik, die Paul mit den Landnahmen der Kontingenzkultur ins Spiel bringt, weil der Begriff der Landnahme nicht neutral ist, sondern eine widerrechtliche Aneignung impliziert und der gesamten Kontingenzkultur etwas Illegitimes verleiht. Dahinter steht das Misstrauen gegenüber einer Disposition, in der die Kontingenz zur realitätsgenerierenden Modalstruktur geworden ist. Im Rückgriff auf Helmuth Plessners Analyse der intransitiven Überbietungslogik der Technik und auf Blumenbergs Begriff der Selbsterhaltung wird der Kern dieser Problematik präzisiert: Die neuzeitliche Rationalität beruht auf zieloffenen Prozessen und abstrakten Handlungsdispositionen, die prinzipiell keine abschließende Finalisierung kennen. Die Frage nach ihrer Legitimität ist deshalb nicht partiell zu beantworten, sondern führt unmittelbar in die Debatte über die Legitimität der Neuzeit.
2010 – 2019

»Lebensführung«, »steuerloses Treiben« und »außengeleitete Lebensweise«. Zu einem Begriff von Max Weber.

Ausgangspunkt ist die Frage, inwiefern Webers Konzept der Lebensführung sowohl normativ als auch aktivistisch ist. Im Anschluss an Hans-Peter Müller wird Lebensführung als ambivalentes Konzept erschlossen, das nicht nur auf gesellschaftliche Konditionierung, sondern auch auf kulturelle Selbstkonstitution verweist und selbst in seinen heteronomen Aspekten ein Moment der Kontingenz enthält, das zum potentiellen Freiheitsgenerator angesichts fortschreitender Rationalisierung wird. Diese Ambivalenz wird durch drei Theoriekonfigurationen verfolgt. Bei Helmuth Plessner findet die aktivistische Dimension der Lebensführung ihre anthropologische Begründung in der exzentrischen Positionalität des Menschen, dessen konstitutive Heimatlosigkeit und dessen Stehen im Nirgendwo zur permanenten Selbstkonstitution in der Unbestimmtheitsrelation zu sich nötigt. Bei Robert Musil erfährt dieselbe Situation ihre fiktionale Ausgestaltung im Möglichkeitssinn des Mannes ohne Eigenschaften, dessen Lebensführung im Potentialis zwischen aktivistischer Zieloffenheit und steuerlosem Treiben oszilliert und die Spannung von Verfügbarkeit und Unverfügbarkeit des eigenen Lebens exemplarisch realisiert. Bei David Riesman schließlich wird die sozialstrukturelle Seite dieser Problematik als außengeleitete Lebensweise erschlossen, in der die antizipatorische Sozialisation der Mittelschichtgesellschaft die Individuen paradoxerweise auf eine zieloffene Lebensführung im offenen Erwartungshorizont sozialer Mobilität konditioniert, deren Integrationsprinzip nicht Zugehörigkeit oder Funktionalität, sondern generalisierte Konkurrenz ist. Das Konzept der Lebensführung ist deshalb – gegen seine Reduktion auf Lebensstilforschung oder Alltagsorganisationsmanagement – ein zutiefst aufklärerischer Begriff, der schon bei Weber gegen den Absolutismus des Sozialen in der Moderne gerichtet ist und in dem sich Schicksal, Entscheidung, Freiheit, Wahl und Persönlichkeit zu einem unauflöslichen Komplex simultaner Verfügbarkeit und Unverfügbarkeit verdichten.

Grenze, Horizont und moderne Gesellschaft.

Der Aufsatz entfaltet zwei grundlegende Modalitäten, in denen Gesellschaften ihre Reichweite entwerfen und ihre Kontur festlegen. Grenze und Horizont sind demnach komplementäre, aber ontologisch entgegengesetzte Abschlussparadigmen. Grenzen schließen Wirklichkeitsbereiche ab und verweisen dabei auf ein reales Außen, das ihre Überschreitung ermöglicht; Horizonte schließen Möglichkeitsbereiche auf und konstituieren ein imaginäres Innen, das unendlich ausgedehnt, aber nicht verlassen werden kann. Diese ontologische Differenz, die im antiken und mittelalterlichen Verständnis noch weitgehend verdeckt war, tritt in der Neuzeit mit dem grundlegenden Strukturwandel des Raumes hervor. Die Territorialisierung der Grenze und die gleichzeitige Deterritorialisierung des Horizonts eröffnen den potentiell unendlichen Möglichkeitsbereich, aus dem das konstruktivistische Weltverhältnis der europäischen Moderne hervorgeht, das sich im Technischen als Naturbeherrschung, im Ästhetischen als Autonomisierung der Kunst und im Sozialen als Gestaltbarkeit der Gesellschaft manifestiert. Signifikant ist dabei die Differenz zweier Fiktionalisierungsmodi, die zwei verschiedenen und am Ende gegensätzlichen modalontologischen Paradigmen entsprechen, nämlich Utopie und Optimierung. Utopie bedeutet die finale Schließung des Möglichkeitshorizonts in einem idealen und unüberbietbaren Zustand; Optimierung bedeutet dagegen die situativ extrapolierte, prinzipiell unaufhörliche und zieloffen-asignifikante Überbietung jedes erreichten Zustandes. Die bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts hat die Horizontverschiebung zur Chiffre einer gesellschaftlichen Dynamik gemacht hat, in der die Überbietung an die Stelle der Überschreitung trat und als Fortschritt geschichtsphilosophisch zieloffen finalisiert wurde. Die Optimierungsgesellschaft des späten 20. Jahrhunderts hat diese Dynamik in sozialisatorischen Infrastrukturen der Selbstentfaltung habitualisiert, die die Individuen auf eine zieloffene Lebensführung konditioniert und soziale Mobilität zur strukturellen Norm machen. Die aktuellen kulturellen und identitätspolitischen Grenzziehungen sind deshalb als Widerstandslinien gegen den sozialen Absolutismus der Möglichkeit und den strukturellen Zwang zur Optimierung zu verstehen. Sie bedeuten nicht die Rückkehr zu äußeren Grenzen, sondern sind Versuche der Re-Differenzierung, Re-Konkretisierung und Re-Spezifizierung gegen eine gesellschaftliche Norm, die die Normalisierung der Kontingenz zum abstrakten Integrationsprinzip gemacht hat.

Vergesellschaftung im Unendlichen. Simmels Modernität.

Der Beitrag analysiert Simmels Konzept der Moderne als Kultur der Kontingenz und entwickelt dabei eine gesellschaftstheoretische These, die über die bisherige Rezeption seiner Geld- und Großstadttheorie hinausgeht: Konkurrenz ist bei Simmel keine primär ökonomische, sondern eine genuin soziologische Kategorie. Sie ist die gesellschaftliche Form der Kontingenz und damit das eigentliche Integrationsmedium moderner Gesellschaften. Während Durkheim die durch Monetarisierung und industrielle Deregulierung entfesselte Möglichkeitsoffenheit der Moderne moraltheoretisch als pathologischen Zustand der Anomie begreift, der eine restriktive regulative Moralordnung erfordert, analysiert Simmel dieselbe Möglichkeitsoffenheit als Auflösung aller Bestimmtheiten durch die die geldvermittelte Versachlichung der Sozial- und Objektverhältnisse. Dies steigert einerseits die Verfügbarkeit der Objekte und die Unabhängigkeit von anderen Menschen, macht aber andererseits die definitiven Befriedigungen immer seltener und provoziert dadurch das ungeheure Glücksverlangen des modernen Menschen, das sich in jener abstrakten, auf kein konkretes Ziel gerichteten Intensitätserwartung ausdrückt, in der sich die Persistenz religiöser Totalitätserwartungen unter den Bedingungen ihrer säkularen Enttäuschung manifestiert. Die eigentliche Pointe des Aufsatzes liegt in der Bestimmung der Konkurrenz als gesellschaftlichem Struktur- und Organisationsprinzip jenseits ihrer ökonomischen Erscheinungsform. Simmels Bestimmung der Konkurrenz als indirekten und anonymen Kampf ohne Gegner identifiziert in ihr dasjenige Vergesellschaftungsprinzip, das der Kultur der Kontingenz eingeschrieben ist, weil sie die intersubjektiven Dimensionen der Vergesellschaftung übersteigt und die Integration einer komplexen Vielfältigkeit ermöglicht, die irreduzibel bleibt und irreduzibel bleiben soll, wenn Individualität im emphatischen Sinne mit prinzipieller Möglichkeitsoffenheit korrespondieren und dennoch sozial integrierbar sein soll. Eine soziale Welt ohne Konkurrenz wäre deshalb eine soziale Welt ohne Kontingenz. Es wäre eine Welt, in der das, was ist, nicht anders sein könnte. Das aber war nicht Simmels Option.

Zum Begriff der Möglichkeit bei Helmuth Plessner.

Die Studie entfaltet die Zweideutigkeit des Möglichkeitsbegriffs in Plessners philosophischer Anthropologie und deutet sie als theoriestrategisch produktive Unschärfe, die zwei prinzipiell verschiedene Lektüren offenhält. Ausgangspunkt ist die Zurückweisung von Horkheimers Kritik der philosophischen Anthropologie als Suche nach absoluten Prinzipien und absolutem Sinn. Plessner, so die Gegenthese, war gerade derjenige, der jeden anthropologischen Absolutismus entschieden abgelehnt hat. Denn das Basistheorem der exzentrischen Positionalität begründet eine konstitutive Möglichkeitsoffenheit, die Plessner mit der Unbestimmtheitsrelation der modernen Physik als Selbstverhältnis präzisiert, das weder Festlegung auf eine bindende Wirklichkeit noch Auflösung in uferlose Beliebigkeit bedeutet, sondern die spezifische Modalstruktur der Kontingenz realisiert, indem das, was ist, auch anders sein kann, weil es weder notwendig noch unmöglich ist. Dem entsprechend weist Plessners Möglichkeitsbegriff eine irreduzible Doppelstruktur auf. Einerseits erschließt die exzentrische Positionalität eine abstrakte, fortschrittslogisch entgrenzte Möglichkeitsoffenheit, in der jede Konstruktion durch eine andere überbietbar bleibt und in der die Technisierung als Institutionalisierung einer prinzipiell schrankenlos überbietbaren Modalstruktur verstanden wird. Das hat Plessner konzeptuell als offene Form und Anarchie des endlosen Fortschreitens gefasst. Andererseits impliziert die Situativität des menschlichen Standorts eine konkrete, pluralitätslogisch begrenzte Menge des Situativ-Möglichen, weil die Schranken und Grenzen dessen, was hier und jetzt möglich ist, den abstrakten Möglichkeitshorizont durch die konkreten Alternativen koexistierender, konfligierender und konkurrierender Lebensformen begrenzen. Diese Differenz von Potentialitätskontingenz und Pluralitätskontingenz, von futurisch-abstrakter versus präsentisch-konkreter Möglichkeitsoffenheit, ist theoriestrategisch entscheidend. Denn in der Betonung der konkreten Möglichkeitsoffenheit gegenüber der abstrakten liegt die Option einer Anthropologie des Politischen; in der Betonung der abstrakten Möglichkeitsoffenheit gegenüber der konkreten hingegen liegt die Option einer Anthropologie des Technischen. Dass Plessner den Übergang zwischen beiden Lesarten offen hält, erweist sich als bewusste theoriestrategische Entscheidung, die die konstitutive Möglichkeitsoffenheit des Menschen gegen alle definitiven Verortungen offenhält.

Blumenberg und die Ontologie des ästhetischen Gegenstandes.

Die Studie rekonstruiert Blumenbergs Theorie des Kunstwerks im systematischen Koordinatensystem seines Kontingenzkonzepts und entwickelt dabei eine Bestimmung des ästhetischen Gegenstandes, die über die traditionelle Alternative von Wirklichkeitsbezug und Wirklichkeitserzeugung hinausführt. Ausgangspunkt ist Blumenbergs Befund, dass die Geschichte der ästhetischen Theorie die Möglichkeit einer dritten Option, nämlich die Bestimmung des Kunstwerks als vollkommen unverbindlicher, wirklichkeitsenthobener Konstruktion, systematisch ausgeblendet hat, obwohl sie logisch verfügbar gewesen wäre. Dies zeigt, dass der Absolutismus der Wirklichkeit auch die Kunsttheorie erfasst, gegen die Blumenberg seine eigene, aber implizit gebliebene ästhetische Theorie stellt. Deren Kern ist die Bestimmung des Kunstwerks als materiellen Inbegriff der Kontingenz, also als Gegenstand, der weder Wirklichkeit abbildet noch eine eigene Wirklichkeit erzeugt, sondern durch seine essentielle Vieldeutigkeit und seine konstitutive Deutungsbedürftigkeit einen irreduziblen Anspruch der Möglichkeit gegen den Absolutismus der Wirklichkeit geltend macht. Die Kontingenzkultur der Neuzeit generiert zwar einerseits eine technische Einstellung gegenüber dem Vorgegebenen, die auf konstruktivistische Überbietung und Optimierung zielt, aber sie generiert andererseits auch eine ästhetische Einstellung, die sich von der technischen gerade dadurch unterscheidet, dass sie die Unbestimmtheit des Gegenstands stehen lässt und den Potentialitätshorizont offenhält, statt ihn durch instrumentelle Finalisierung zu schließen. Auf diesem Hintergrund wird Blumenbergs Auseinandersetzung mit Valérys Konzept des Kunstwerks als objet ambigu, als Gegenstand, der sich jeder Klassifikation und Identifizierung entzieht, zur Explikation der essentiellen Vieldeutigkeit des ästhetischen Gegenstandes. Die ästhetische Einstellung leistet gerade dadurch mehr, dass sie auf theoretische Neugier verzichtet und den Gegenstand für sich stark sein lässt, indem sie ihn nicht in klassifizierenden Fragen objektiviert. Das korrespondiert mit Adornos Begriff des Rätselcharakters und Benjamins Begriff der Aura von Kunstwerken. Wo Benjamin aber strategisch auf die entauratisierte Ästhetik der Massenkultur setzt, bleibt für Blumenberg der Gehalt des Auratischen als Potentialität das rationale Kriterium, das Dinge von Gegenständen, Möglichkeiten von Wirklichkeiten und die poetische Sprachfunktion von der kommunikativen unterscheidet.

Die Ambivalenz der Mobilität.

Der Aufsatz ist eine historisch-systematische Analyse der Mobilität als spezifisch modernem Phänomen, das im 18. Jahrhundert als eigenständige Dimension menschlicher Erfahrung entstand und dessen Voraussetzung die Neubewertung von Bewegung aus einer lästigen Notwendigkeit zur erstrebenswerten Möglichkeit war, die im Zuge der Fiktionalisierung des Möglichkeitsbewusstseins und der fortschreitenden Diskontinuität von Herkunft und Zukunft seit der Französischen Revolution stattfand. Die systematische Leitthese lautet, dass Mobilität in ihrer diskursiven und reflexiven Ausfaltung stets einen impliziten Überschuss über bloße Beweglichkeit hinaus enthält – ein Moment der Entgrenzung und Überschreitung, das aus jeder Wirklichkeit den Funken einer anderen Möglichkeit schlägt und damit eine strukturell garantierte Potentialität etabliert. Diese Potentialität verleiht der Mobilität eine irreduzible Ambivalenz, die sich darin zeigt, dass die bürgerliche Gesellschaft die Gesellschaft ist, die Mobilität als Freiheit verspricht und die Individuen zugleich zur Mobilität zwingt. In diesem Sinne hat die organisierte Massenmobilität des 20. Jahrhunderts als Dispositiv aus Massenmotorisierung und Massenkonsum eine gemeinsame modalontologische Qualität, indem sie Handlungs- und Erfahrungsmöglichkeiten schafft, die auf ihre eigene permanente Steigerbarkeit und Überbietbarkeit verweisen. Massenmotorisierung ist dabei nicht nur ein Disziplinierungsprozess im Foucaultschen Sinne, sondern auch die gesellschaftliche Institutionalisierung einer konstruktivistischen Optimierungslogik, in der die Technisierung nicht dingontologisch, sondern modalontologisch von zentraler Bedeutung ist. Im Bezug auf Nietzsche zeigt sich allerdings das eigentliche moderne Problem, dessen materielle Form die Mobilität ist, nämlich die Offenheit des Horizonts nach der Freisetzung aus allen autoritativen Bindungen, die nicht mehr als Dialektik von Entgrenzung und Konditionierung zu fassen ist, weil sie das schwindelerregende Erlebnis einer Unendlichkeit bietet, die gleichzeitig zur Bedrohung wird, weil man im Käfig der Unendlichkeit eingesperrt ist.

Über den Begriff der »Krise«. Eine historisch-semantische Skizze.

Die Studie ist eine Analyse des Krisenbegriffs, die zwischen der nüchternen Bestimmung Valérys, der Krise als Übergang von einer funktionellen Ordnung zu irgendeiner anderen versteht und der kulturkritischen Dramatisierung als Ordnungsverlust und potentieller Katastrophe, die strukturelle Ambivalenz des modernen Krisenbewusstseins freilegt. Ausgangspunkt ist die begriffsgeschichtliche Rekonstruktion der antiken Einheit von Kritik und Krise im griechischen κρίσις, die sowohl den forensischen Urteilsakt als auch den medizinischen Kulminationspunkt und den militärischen Wendepunkt bezeichnete. Ihre neuzeitliche Aufspaltung in eine subjektivierte Kritik und eine objektivierte Krise ist ein Indiz der modernen Aufwertung souveräner Subjektivität. Gleichzeitig ist die Krise eine strukturelle Signatur der Neuzeit, die mit der Fiktionalisierung des Möglichkeitsbewusstseins seit der Französischen Revolution und dem Auseinandertreten von Erfahrungsraum und Erwartungshorizont im Sinne von Kosellecks Begriffsgeschichte den Übergangszustand zum Dauerzustand werden lässt, weil die individuellen und kollektiven Erwartungen zunehmend nicht mehr nur von der Tradition, sondern von der Erfahrung überhaupt freigesetzt werden. Kontingenz erweist sich dabei als die modallogische Grundstruktur der Krise. Sie grundiert eine irreduzibel offene Situation, die auf Entscheidung hindrängt, ohne dass das Ergebnis dieser Entscheidung aus den gegebenen Wirklichkeiten vollständig ableitbar wäre. Den theoretisch entscheidenden Schluss bildet die Wendung gegen die ontologische Vergegenständlichung des Krisenbegriffs. Krisen sind nicht gegeben, sondern werden diskursiv gemacht – und zwar durch Kritik, die in den normalen Ablauf der Ereignisse Kontingenz einführt, und durch Krisendiskurse, die Offenheiten schließen wollen. Genau das macht den Krisenbegriff zu einem eminent politischen und gerade nicht zu einem ontologischen Begriff.

Abstrakter Expressionismus und performative Mittelschichtgesellschaft.

Von Mark Tanseys allegorischem Gemälde »The Triumph of the New York School« (1984) aus entwickelt der Aufsatz die tiefenstrukturellen Korrespondenzen zwischen einer ästhetischen Strömung und einer sozialstrukturellen Disposition, die Elemente einer spezifisch liberalen, posteuropäischen Kultur der Nachkriegszeit sind. Im ersten Schritt wird die radikale Abstraktion des Abstrakten Expressionismus, also die Unüberschaubarkeit des Bildformats, die Kompositionswidrigkeit seiner visuellen Oberfläche und die Emanzipation der Farbe von der Repräsentation, als definitive Abkehr nicht nur von der gegenständlichen Tradition, sondern auch von der primären Abstraktion der europäischen Moderne analysiert. In dieser Malerei manifestiert sich damit das vorläufige Ende des melancholisch-kompensatorischen Weltverhältnisses, das auf ein situationstranszendentes Ordnungsprinzip fixiert blieb. Der entscheidende systematische Schritt ist dabei die Valorisierung der Performativität, die Pollocks action painting realisiert und die Rosenberg theoretisiert. Sie signalisiert die Abkehr von der ästhetischen Souveränität zugunsten eines pragmatistischen Handlungsmodells, in dem das Ziel im Handeln selbst generiert wird. Im zweiten Schritt wird die Mittelschichtgesellschaft unter Bezug auf Riesman, Mills, Schelsky, Whyte und Foucaults Gouvernementalitätstheorie als sozialstrukturelles Analogon dieses Weltverhältnisses rekonstruiert. Es ist eine Gesellschaft, die die konstitutive Instabilität sozialer Positionen positiviert, Vergesellschaftung nicht präskriptiv, sondern performativ organisiert und Möglichkeitsoffenheit zur Tiefenstruktur des Sozialen macht. Die verbindende Grundthese lautet: Abstrakte Malerei ohne kompensatorische Totalitätsoption und Mittelschichtgesellschaft ohne fixierte Stratifikationsordnung teilen eine spezifische Modalstruktur, nämlich die prinzipielle Unmöglichkeit dauerhafter Fixierungen. Deshalb bilden sie die ästhetische und die soziale Signatur eines avancierten, in sich selbst begründeten Weltverhältnisses.

Benjamin.

Der Artikel rekonstruiert Walter Benjamins theoretisches Projekt als großangelegte, wenn auch fragmentarisch gebliebene Theorie der Moderne, deren konzeptueller Orientierungspunkt die Frage nach der ästhetischen Erfahrung unter massenkulturellen Bedingungen und deren zentrales philosophisches Problem die Genealogie eines Subjektivitätstyps ist, der dieser Kultur entspricht. Im Zentrum steht das Passagen-Werk als phänomenologisch gesättigte, sozialphilosophisch fundierte und geschichtsphilosophisch substantiierte Theorie der Metropolenkultur. Erschlossen wird es über seine kanonischen Paratexte, den Kunstwerk-Aufsatz, die Baudelaire-Studie und die geschichtsphilosophischen Thesen, wobei die medientheoretische These, dass der Film als nicht-auratisches Kunstwerk par excellence die menschliche Wahrnehmung auf die artifiziellen Wirklichkeiten der technisierten Moderne einübt und diesen dadurch lebensweltlichen Charakter verleiht, ausführlich rekonstruiert wird. Hinter dieser These steht Benjamins Erfahrungstheorie mit ihrer systematischen Leitdifferenz von Erfahrung und Erlebnis und ihrem historischen Befund einer Transformation der menschlichen Erfahrung in der Moderne. Ihr zentrales Argument ist die strukturelle Depotenzierung kohärenter, narrativ kumulierter Erfahrung durch diskontinuierliche, chockförmige Erlebnisse unter großstädtischen Bedingungen. Von Benjamins Kritik der persistierenden Totalitätserwartung aus erschließt der Artikel zwei einander entgegengesetzte, gleichermaßen problematische Subjektivitätsstrategien der Moderne, nämlich die konstruktivistische ästhetische und politische Souveränität sowie die irrationale Simulation auratischer Erfahrung durch finale Überbietung des Chockerlebnisses bis zur Katastrophe. Die massenkulturelle Ästhetisierung des Sozialen ist auf diesem Hintergrund Benjamins dritte Option, weil der Film ist für ihn das Medium einer Gesamttransformation des menschlichen Wahrnehmungsapparats ist, die souveräne Subjektivität strukturell vereitelt und die Kohärenz der außersubjektiven Wirklichkeit einer artifiziellen Moderne erfahrbar macht.

Historische Semantik und Positivität der Kontingenz. Modernitätstheoretische Motive bei Reinhart Koselleck.

Der Aufsatz entwickelt die These, dass die historische Semantik, wie sie vor allem von Reinhart Koselleck ausgearbeitet wurde, potentiell eine hochreflexive Theorie der Moderne ist, der eine genealogische Erschließung des modernen Kontingenzbewusstseins in seiner historischen Spezifizität und seiner fiktional-konstruktiven Dimension zugrunde liegt. Ausgangspunkt ist eine kritische Konfrontation mit Luhmanns Systemtheorie, die Kontingenz ontologisiert und damit enthistorisiert. Dagegen wird Kontingenz als historisch variables Verhältnis von Wirklichkeit und Möglichkeit bestimmt, dessen logisch-ontologische Ambivalenz von Verfügbarem und Unverfügbarem, also von Handlungsbereich und Zufallsbereich, den analytischen Kern bildet. Die historische Rekonstruktion folgt Kosellecks zentralem Befund des Auseinandertretens von Erfahrungsraum und Erwartungshorizont seit der frühen Neuzeit. Kontingenz erfaßt jetzt nicht nur Ereignisse, sondern auch den Ereignisbereich selbst und generiert ein prinzipiell offenes, konstruktivistisches Möglichkeitsbewusstsein. Die modernitätstheoretischen Konsequenzen dieses Vorgangs, die als Beschleunigung der Zeiterfahrung, Fiktionalisierung des Erwartungshorizonts und Krise im Dauerzustand die strukturelle Signatur der Moderne bestimmen, werden sodann mit den radikalen Funktionalisierungen von Kontingenz zur selbstmächtigen Kontingenzaufhebung in der Klassischen Moderne konfrontiert. Den Abschluss bildet eine theoriegeschichtliche Positionierung der historischen Semantik gegenüber der postmodernen Kritik. Die historische Semantik betreibt keine Emphatisierung der Kontingenz, sondern die Anerkennung ihrer Positivität im Sinne der Unabweisbarkeit ihrer realitätsgenerierenden Effekte. Damit ist sie eine analytische Alternative, die den diskurspolitischen Gegensatz von Modernität und Postmodernität überschreitet.

Organisierte Kreativität. Überlegungen zur ›Ästhetisierung des Sozialen‹.

Ausgehend von der Figur Frank Wheelers aus Richard Yates' Roman »Revolutionary Road« als Prototyp des angestellten Kreativarbeiters der amerikanischen Nachkriegsmittelschicht, entwickelt der Text eine sozialtheoretische Analyse der institutionalisierten Ästhetisierung des Sozialen, deren historisches Zentrum die Geschichte des akademischen Creative Writing bildet. Diese Geschichte wird als bildungs- und sozialpolitisch initiierte Produktion kreativer Subjektivität rekonstruiert, die mindestens drei Funktionen hatte: die Steigerung und Verstetigung literarischer Produktion durch systematische Ausbildung von Schriftstellern, die Schaffung eines nachbürgerlichen Massenpublikums aus traditionell kunstfernen Schichten, und die Ausbildung von Arbeitskräften für die Kreativ- und Wissensökonomie. Bemerkenswert ist dabei, dass in den Workshops des Creative Writing keine avantgardistischen Formexperimente, sondern weitgehend traditionelle literarische Formen und unter diesen wiederum vor allem die Prosadichtung und der psychologische Roman des bürgerlichen Realismus im Zentrum standen. Der Text erschließt diesen Befund durch eine Bestimmung des Romans als privilegiertem Medium, in dem das Selbst- und Weltverhältnis eines Individuums reflexiv konstituiert wird und das damit einer Kultur entspricht, für die das individuelle Selbst- und Weltverhältnis nicht selbstverständlich, sondern reflexionsbedürftig und als bildungsgenerierte Subjektivität reflexionskonstituiert ist. Im Lichte von Lukács' Bestimmung des Romans als Form der transzendentalen Obdachlosigkeit und Luhmanns Theorie des Kunstsystems, in der die gesellschaftliche Funktion der Kunst in der symmetrischen Dignifizierung des Möglichen gegenüber dem Wirklichen bestimmt wird, bildet der Roman das am meisten soziologische Genre der Kunst. Er ist diejenige ästhetische Form, in der die Orientierung in einer sozialen Welt eingeübt wird, die keine externe normative Referenz mehr hat, sondern sich performativ aus sich heraus konstituiert. Theoretisch unterscheidet der Text dabei zwischen einem idealistischen und einem pragmatistischen Kreativitätsbegriff und zeigt, dass die Creative Writing-Programme eine Synthese beider Konzepte vollziehen, indem sie reflexive Fiktionalisierung zur generalisierbaren Kulturtechnik machen. Die Ästhetisierung des Sozialen wird auf diese Weise zur komplementären Seite der Ökonomisierung des Sozialen.

Kunstautonomie und Wettbewerbsgesellschaft. Nachtrag zur ›Ökonomisierung des Sozialen‹

Ausgangspunkt der Argumentation ist die These, dass der Begriff der Ökonomisierung des Sozialen einen sozialontologischen Sachverhalt bezeichnet, der über bloße Kommerzialisierung weit hinausgeht, nämlich die Ablösung der Autorität als gesellschaftlichem Organisationsprinzip. Im Anschluss an Foucaults Geschichte der Gouvernementalität geht es dabei um den Übergang von einer präskriptiven zu einer performativen Vergesellschaftung. Sie markiert das Ende einer sozialen Ordnung, die auf juridische, disziplinierende oder regulierende Instanzen gegründet war und die Durchsetzung eines Vergesellschaftungstyps, der Konformität nicht durch Heteronomie, sondern durch kommunikative Präsenz und autonome Funktionalität organisiert. Die gesellschaftskritische Diskussion um die Ökonomisierung des Sozialen verkennt diesen Sachverhalt und verwandelt Foucaults gesellschaftstheoretisches Projekt in ein moralisierendes Instrument, das auf das Repertoire der Kapitalismuskritik zurückgreift und dabei die eigentliche analytische Pointe verdeckt, nämlich die Bestimmung der Tiefenstruktur dieser Ökonomisierung, die keiner Tausch-, sondern einer Wettbewerbslogik entspricht. Im Anschluss an Simmels konfliktsoziologische Bestimmung der Konkurrenz als indirektem Kampf ohne Gegner, der sich auf ein gemeinsames, situationstranszendentes Ziel richtet, wird der Wettbewerb als abstraktes Sozialverhältnis eigener Qualität bestimmt, das gerade nicht im intersubjektiven Verhältnis konkreter Akteure aufgeht und daher dauerhaftere Vergesellschaftungseffekte produziert. Die eigentliche These lautet, dass die modalontologische Struktur dieser wettbewerbsbasierten Vergesellschaftung mit der autonomen Kunst korrespondiert, weil sie diejenige gesellschaftliche Sphäre ist, die konstitutiv die Differenz von Wirklichkeit und Möglichkeit offenhält und institutionalisiert, wie Luhmann in seiner Theorie des Kunstsystems erklärt hat. Diese Symmetrie von Wirklichkeit und Möglichkeit ist es, die den Wettbewerb über die Konkurrenz konkreter Akteure um konkrete Güter in jene abstrakte Dimension entgrenzt, in der jede Wirklichkeit mit mindestens einer anderen Möglichkeit konkurriert, ohne dass diese Wirklichkeit gegenüber den anderen Möglichkeiten privilegiert werden könnte. Die Verschränkung von Kunstautonomie und kompetitiver Vergesellschaftung wird damit zum historisch-ontologischen Entstehungsnexus der liberalen Mittelschichtgesellschaft.

Der Raum des Fortschritts. Architekturmoderne und Massenmotorisierung.

Den Essay leitet die These, dass der technische Fortschritt des 20. Jahrhunderts jenseits geschichtsphilosophischer Perfektibilitätsmetaphysiken eine konkrete und materielle Gestalt hatte, die sich am prägnantesten im raumorganisatorischen Projekt der Moderne realisierte. Im Zentrum dieses Projekts stand die funktionelle Synthese von standardisierter Massenarchitektur und individualisierter Massenmobilität als praktische Antwort auf die sozialen Krisenfolgen der Industrialisierung und die daraus resultierenden akuten Integrationsdefizite der modernen Metropolen. In dieser Situation stellte die Verbindung von Architekturfunktionalismus und Massenmotorisierung ein Modell anonymer objektvermittelter Vergesellschaftung bereit, das keiner autoritativen Ordnungsinstanz bedurfte, weil es Integrationsprozesse aus kommunikativen Strukturen ohne integrierendes Zentrum generierte. Als konzeptuelle Antwort auf die Destrukturierung traditionaler Lebensformen realisierte es ein konstruktivistisches Weltverhältnis, dessen Grundprinzip nicht die Nachahmung, sondern die gegennatürliche Überbietung der Natur mit wissenschaftlich-technischen Mitteln war. Diese Optimierungskultur materialisierte sich paradigmatisch in der funktionellen Stadt, die das tayloristisch-fordistische Rationalisierungsmodell auf die standardisierte Gesamtorganisation des gesellschaftlichen Raumes übertrug. Das Prinzip der Standardisierung war dabei keineswegs nivellierend, sondern richtete die Realität auf maximale Kombinationsvielfalt bei gleichzeitiger maximaler Anschlussfähigkeit ihrer Elemente aus, indem es verfahrensrational und nicht zweckrational operierte. Dem korrespondierte die Massenmotorisierung als gesellschaftliche Institutionalisierung einer Mobilisierungs- und Flexibilisierungslogik, die nicht nur eine strukturell garantierte Freiheit, sondern auch den strukturellen Zwang zur kommunikativen Anschlussfähigkeit begründete. Der Architekturfunktionalismus wurde in den ersten beiden Nachkriegsdekaden zur materiellen Form einer gesellschaftlichen Modernisierung, die soziale und räumliche Mobilität optimierungslogisch verschränkte und den Fortschritt auf diese Weise mit massenhaftem sozialem Aufstieg identifizierte. Diese Verschränkung blieb bis in die späten 70er Jahre des 20. Jahrhunderts die hegemoniale Form des sozialen Fortschritts, weil die funktionalistische Massenarchitektur die einzige praktikable Möglichkeit bot, die Wohnqualität großer Populationen rasch zu verbessern, ohne die Landschaft rücksichtslos zu zersiedeln.
2000 – 2009

Kontingenz – Technisierung – »Möglichkeitssinn«. Über ein Motiv bei Robert Musil.

Der Aufsatz entfaltet eine Synopse von Kontingenztheorie, neuzeitlicher Technisierung und Musils Konzept des Möglichkeitssinns als Beitrag zur Kultursoziologie der Klassischen Moderne. Ausgehend von der systematischen Ambivalenz des Kontingenzbegriffs zwischen Verfügbarkeit und Unverfügbarkeit, Handlung und Zufall, wird gezeigt, wie das neuzeitliche Kontingenzbewusstsein den Handlungsbereich prinzipiell öffnet und Technisierung als gesellschaftliche Institutionalisierung einer konstruktivistischen Optimierungslogik etabliert, die strukturell auf die permanente Nutzung der Kontingenz zielt. Blumenbergs Begriff der Kontingenzkultur dient dabei als genealogischer Rahmen. Im Zentrum steht die Unterscheidung zwischen utopischer Kontingenzaufhebung durch finale Konstruktion, wie sie paradigmatisch im Funktionalismus Le Corbusiers und der Klassischen Moderne konzipiert wurde und Musils Möglichkeitssinn als reflexivem Kontingenzbewusstsein, das Kontingenz nicht instrumentalisiert, sondern kultiviert. Im Anschluss an Plessners Konzept der offenen Form wird der Möglichkeitssinn als ästhetische Modalstruktur bestimmt, die eine nicht-finale Souveränität gegenüber der Wirklichkeit realisiert und den Konjunktiv zur grammatikalischen Form eines experimentierenden Selbst- und Weltverhältnisses macht.

Das Hansaviertel in Berlin und die Selbstbegründung der Mittelschichtgesellschaft.

Der Text entwickelt, ausgehend von der Diskursgeschichte um das Berliner Hansaviertel, das anlässlich der Interbau 1957 errichtet wurde, eine soziologische These zur kulturellen Selbstkonstitution der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft. Gegen die postmoderne Kritik, die das Hansaviertel als Propagandaschau einer normierenden Sozialwohnungsarchitektur disqualifizierte, und gegen die Überdehnung des Begriffs der Sozialutopie wird argumentiert, dass das Viertel vielmehr der architektonische Ausdruck einer Selbstbegründung der Mittelschichtgesellschaft ist, die nicht als Legitimation, sondern als Setzung einer selbsttragenden Positivität zu verstehen ist. Helmut Schelskys Konzept der nivellierten Mittelstandsgesellschaft, die von den späteren Kritikern des Hansaviertels ablehnend ins Spiel gebracht wurde, wird als soziologische Beschreibungsformel rekonstruiert, die sowohl Aufstiegs- als auch Abstiegsprozesse erfasst und soziale Mobilität als strukturelles Prinzip einer nach-bürgerlichen Gesellschaft identifiziert. Auf diesem Hintergrund wird das Hansaviertel, über Kosellecks Begriff der vergangenen Zukunft, mit Akzent auf das Zukünftig-Offene als materielle Form einer Mittelschichtgesellschaft bestimmbar, deren architektonische Prinzipien der offenen Form und der standardisierten Vielfalt die Standardisierung nicht als Zwang, sondern als Freiheitsvoraussetzung fassen.

Grenzen im Sozialen. Eine sozialphilosophische Studie.

Der Text untersucht die radikale Kontingenz sozialer Grenzen als konstitutives Merkmal moderner Vergesellschaftung. Ausgehend von Kafkas Erzählung »Gemeinschaft« wird gezeigt, dass soziale Grenzziehungen zwischen Wir und Nicht-Wir sowohl zufällig als auch willkürlich sind, ohne deshalb beliebig zu sein. Die quantitative Bestimmtheit sozialer Gruppen erweist sich als strukturell instabil und muss deswegen in eine qualitative Differenz, also in kulturelle Identität im Sinne eines distinkten Weltverhältnisses transformiert werden, um wirksam zu sein. Im Anschluss an Simmel und Schütz wird Fremdheit als außermoralisches soziales Problem entwickelt, das durch fehlende gemeinsame Geschichte, gebrochene Zeiterfahrung und strukturelle Ortlosigkeit entsteht. Dem gegenüber werden zwei spezifisch moderne Tendenzen diskutiert, nämlich die Generalisierung von Fremdheit durch funktionale Differenzierung und Individualisierung einerseits und andererseits die Herausbildung des marginal man im Sinne von Park als positivem Subjektivitätstypus, den ein Leben auf der Grenze mehrerer Kulturen hervorbringt. Allerdings bleibt dieser Typus an seine historischen Voraussetzungen, nämlich ökonomische Prosperität und expandierende Mittelschichtkulturen, gebunden und stößt unter Bedingungen forcierter Identitäts- und Anerkennungspolitiken nicht nur an ökonomische, sondern auch soziale Grenzen.

Benjamins Theorie der Massenkultur.

Der Aufsatz rekonstruiert aus den verstreuten medien-, urbanitäts- und subjektivitätstheoretischen Überlegungen Walter Benjamins, vor allem aber aus dem Kunstwerk-Aufsatz und der Baudelaire-Studie eine kohärente, wenn auch implizite Theorie der Massenkultur, die über kulturkritische Konzepte hinausgeht und nach der historisch-systematischen Funktion der Massenkultur für Modernität als Lebensform fragt. Ausgangspunkt ist die These, dass Massenkultur nicht bloße Unterhaltungs- oder Konsumkultur, sondern die spezifische Mittelschichtskultur und damit die hegemoniale Leitkultur moderner Gesellschaft ist. Massenkultur bildet so gesehen ein eigenständiges Weltverhältnis von geradezu transzendentaler Dimension. Im Zentrum steht Benjamins Filmtheorie, der zufolge der Film als nicht-auratisches Kunstwerk par excellence, das durch Montagetechnik, kollektive Produktion und chockförmiges Bauprinzip charakterisiert ist, die menschliche Wahrnehmung auf die artifiziellen Wirklichkeiten der technisierten Moderne einübt und diesen dadurch einen lebensweltlichen Charakter verleiht. Massenkultur, und konkret der Film, erscheint bei Benjamin als Medium einer Gesamttransformation des menschlichen Wahrnehmungsapparats, die Subjektivität nicht durch personale Authentizität, sondern durch sensorische Einübung in die Eigengesetzlichkeit artifizieller Wirklichkeiten stiftet.

Meer. Aspekte einer Daseins- und Lebensführungsmetapher.

Der Artikel entfaltet die historische Semantik der maritimen und nautischen Metaphorik als privilegierten Ort der philosophischen Reflexion auf Kontingenz und die Bedingungen einer Lebensführung. die ihr entspricht. Ausgehend von Hegels Positivierung der Seefahrt als Medium individueller und kollektiver Selbstentfaltung, wird die Ambivalenz rekonstruiert, die dieser Metaphorik von der Antike bis zur Moderne eingeschrieben ist. Die Meerfahrt changiert dabei von der frevlerischen Grenzverletzung wider die natürliche Ordnung zur legitimen Realisierung menschlicher Freiheit. Im antiken und mittelalterlichen Kontext steht die Küstenlinie noch für die ontologische Grenze zwischen einer bestimmten Wirklichkeit und unbestimmten Möglichkeiten. Die Überschreitung dieser Grenze gilt als Hybris, als Selbstanmaßung, deren legitime Konsequenz der Schiffbruch ist, wie Blumenberg das Leitparadigma der antiken Daseinsmetaphorik identifiziert. In der Neuzeit verschiebt sich die Bewertung der Seefahrt grundlegend, weil die theoretische Neugierde und die praktische Grenzüberschreitung zu Bedingungen des wissenschaftlich-technischen Weltbezugs werden. Mit dem Strukturwandel des Raumes durch den Übergang von der Küstenschiffahrt zur Ozeanreise wird die Meerfahrt zur anthropologischen Chiffre der neuzeitlichen und vor allem der modernen Existenz überhaupt. Die einschlägigen Passagen bei Pascal, Kant, Nietzsche, Habermas, Heisenberg, Luhmann und Foucault werden als Stationen einer Geschichte der nautisch-maritimen Metaphorik gelesen, in der diese Metaphorik die zunehmende Unlösbarkeit des Orientierungsproblems unter Bedingungen totaler Kontingenzerfahrung zum Ausdruck bringt – vom erkenntniskritischen Inselmodell Kants über die Freisetzung ins offene Meer nach dem Tod Gottes bei Nietzsche bis zur Auflösung jeder stabilen Zuschauerposition in der modernen Physik und zum abschließenden Bild Foucaults, in dem der Mensch des Humanismus verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand.

Krise und Kontingenz. Zwei Kategorien im Modernitätsdiskurs der Klassischen Moderne.

Der Aufsatz rekonstruiert die diskursive Tiefenstruktur des Modernitätsdiskurses der Klassischen Moderne in Deutschland, indem er zwei systematisch aufeinander bezogene Kategorien, nämlich Krise und Kontingenz, als dessen konstitutive Strukturmomente herausarbeitet. Ausgangspunkt ist der Befund des vollständigen Wirklichkeitszerfalls, den Zeitgenossen wie Benn, Kracauer, Lukács und Benjamin als epochale Grundsituation der 1920er Jahre diagnostizierten. Die Auflösung einer homogenen sinnerfüllten Wirklichkeit und die Zerstörung bürgerlicher Erfahrungsräume und Erwartungshorizonte durch das traumatische Kriegserlebnis führten in eine soziale, kulturelle und nicht zuletzt politische Krise, die als offener Übergangszustand erfahren wurde, der zum Dauerzustand geworden war, weil die Freisetzung individueller und kollektiver Erwartungen aus ihrer Bindung an bisherige Erfahrungen als Verkümmerung und Verfall der Erfahrung überhaupt geseutet wurde, die als Zustand der absoluten Kontingenz die ambivalente Grundverfassung dieser Situation bildete. Die dominante Tendenz im Modernitätsdiskurs der Klassischen Moderne, die von Schmitts Dezisionismus über die ästhetischen Avantgarden bis zu Lukács' marxistischer Totalitätsperspektive reichte, reagierte auf diese Situation durch Strategien der Kontingenzaufhebung, die, bei aller inhaltlichen und politischen Differenz, strukturell in der Sehnsucht nach definitiver, homogener Wirklichkeit und in der Finalisierung konstruktivistischer Freiheit auf totale Ordnungsstiftung konvergieren. Demgegenüber wird eine bislang theoriegeschichtlich marginalisierte Gegentendenz profiliert, die bei Musil, Mannheim, Heller und vor allem Plessner auf Kontingenztoleranz statt Kontingenzaufhebung setzt und die irreduzible Pluralität und Offenheit moderner Wirklichkeiten als konstitutive, nicht defizitäre Bedingung menschlicher Existenz und politischer Praxis begreift. Die theoretisch entscheidende Dichotomie im Diskurs der 20er Jahre erweist sich damit nicht als die zwischen rechts und links oder konservativ und progressiv, sondern als die zwischen Positionen, die auf Kontingenzaufhebung zielten, und solchen, die ein soziales Dispositiv des Kontingenzmanagements konzipierten, das absolute Lösungen prinzipiell ausschließt.

Kontingenz. Aspekte einer theoretischen Semantik der Moderne.

Der Aufsatz entwickelt eine historisch-systematische Rekonstruktion der Kontingenzsemantik als konstituierendem Narrativ der Moderne. Ausgangspunkt ist eine kritische Auseinandersetzung mit Luhmanns Bestimmung von Kontingenz als Eigenwert der modernen Gesellschaft, in der dieser die Kontingenz dadurch ontologisiert, dass er das Kontingenzbewusstsein aus seiner historischen Spezifizität herauslöst und der Kontingenzsemantik damit selbst jene Ultra-Bedeutung verleiht, die eigentlich eine Eigenschaft von Mythen ist. Dem gegenüber entwickelt der Aufsatz Kontingenz als historisch und kulturell variables Verhältnis von Wirklichkeit und Möglichkeit. Dessen logisch-ontologische Grundbestimmung besagt, dass kontingent ist, was weder notwendig noch unmöglich ist, sodass der Begriff der Kontingenz eine irreduzible Ambivalenz zwischen Handlungsbereich und Zufallsbereich enthält. Die historische Rekonstruktion zeigt, dass die antike Kontingenzsemantik auf Handlungskontingenz innerhalb eines ontologisch gegebenen Möglichkeitshorizonts beschränkt blieb, während die neuzeitliche Entgrenzung des Kontingenzbereichs eine Kontingenzkultur generiert, die auch den Handlungsbereich selbst kontingent setzt und dadurch ein prinzipiell offenes konstruktivistisches Möglichkeitsbewusstsein generiert. Aus diesem Kontingenzbewusstsein gehen zwei strategisch komplementäre Dispositionen hervor. Auf der einen Seite ist das die funktionalistische Kontingenzbegrenzung durch gezielte Kontingenznutzung, die politisch und sozial in der disziplinären Vergesellschaftung und ihrer nachdisziplinären Transformation im versicherungsförmigen Risikomanagement realisiert wird. Auf der anderen Seite ist das die totalitätsorientierte Kontingenzaufhebung, deren Tendenz zur Homogenisierung als gewalttätiger Ordnungsstiftung zum Massenmord als letzter Konsequenz führt. Im zweiten Teil werden positive Konzepte der Kontingenz rekonstruiert: Deweys pragmatistische Verschränkung von Freiheit und Kontingenz, Plessners anthropologische Bestimmung der Unbestimmtheitsrelation als konstitutiver Bedingung menschlicher Offenheit bei gleichzeitiger situativer Begrenzung, sowie Rortys Plädoyer für die Erkenntnis der Kontingenz als Verzicht auf Letztbegründungen zugunsten einer historischen Erzählung liberaler Institutionen. Den Abschluss bildet die These, dass das metaphysische Bedürfnis nach Überwindung der Kontingenz die konstitutive andere Seite des modernen Kontingenzbewusstseins ist – und dass mit seinem eventuellen historischen Verschwinden auch die Kontingenzsemantik als Leitnarrativ der Moderne enden würde.

Die infrastrukturelle Konstruktion der »Volksgemeinschaft«. Aspekte des Autobahnbaus im nationalsozialistischen Deutschland.

Der Aufsatz analysiert die Reichsautobahn als paradigmatisches Infrastruktur- und Kommunikationsprojekt des Nationalsozialismus, dessen Bedeutung nicht nur weit über die mythisch gewordene Deutung als Arbeitsbeschaffungs- und Kriegsvorbereitungsprojekt hinausweist, sondern auch dessen nationalsozialistische Urheberschaft dementiert. Die zentrale These lautet, dass die Autobahn in ihrer doppelten Eigenschaft als Infrastruktur- und Kommunikationsprojekt die funktionelle Matrix für die buchstäblich artifizielle Konstruktion der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft war, weil sie eine mobilitätsgestützte Form verdichteter Sozialintegration im großgesellschaftlichen Maßstab realisieren sollte, die komplementär zum immateriellen Medium des Rundfunks, die territoriale Imagination einer nationalen Zusammengehörigkeit durch materielle Vernetzung realisieren sollte. Der Autobahnbau stand dabei im Kontext einer forcierten Massenmotorisierung und ergänzte das nationalsozialistische Freizeitprojekt Kraft durch Freude, in dem Tourismus und individuelle Mobilität zu Instrumenten der Auflösung tradierter sozialräumlicher Identitäten und der Herstellung neuer nationaler Bindungen werden sollten. Besondere Aufmerksamkeit gilt der ästhetischen Dimension des Projekts. Die minutiöse Gestaltung der Landschaft als sinnlich wahrnehmbarer Seite einer neuen Raumordnung und die szenisch-filmische Konzeption der Autobahnfahrt realisierten eine totalitäre Ästhetisierung, die das Ästhetische zur Matrix einer zwangsförmigen Optimierung der gesamten Wirklichkeit machen sollte. Der reaktionäre Modernismus einer totalitären Synthese von Technik und Kultur erweist sich dabei als Tiefenstruktur, in der das avantgardistische Dispositiv von Dekonstruktion und Konstruktion politisch radikalisiert und die Massenmotorisierung als Disziplinierungsprozess zur Konditionierung auf raumgreifende Dynamik wurde. Den Abschluss bildet die Bestimmung des nationalsozialistischen Projekts in seiner letzten Konsequenz: Die technisch forcierte und ästhetisch finalisierte totalitäre Optimierung war eine Kriegserklärung an die Unvollkommenheit der Schöpfung. Und ihre ultima ratio war der Massenmord.

Ein Mythos massenkultureller Urbanität. Der Potsdamer Platz aus der Perspektive von Diskursanalyse und Semiologie.

Der Aufsatz analysiert den Mythos Potsdamer Platz als diskursive Realität eines kollektiven Imaginationsraums, dessen zentrale Funktion die retroaktive Selbstbegründung massenkultureller Urbanität als spezifisch moderner Lebensform ist. Ausgangspunkt ist die prima vista unwahrscheinliche Karriere des Platzes zum mythischen Inbegriff von Modernität. Gerade seine urbanistische Gestaltlosigkeit und seine Eigenschaftslosigkeit machte ihn zum Un-Platz par excellence und zur materiellen Referenz immaterieller Qualitäten, die sich nicht in substanziellen, sondern in funktionellen Realien manifestierten. Die diskursanalytische Rekonstruktion erschließt zwei Phänomene, um die sich die Arbeit am Mythos in der zweiten Hälfte der 20er Jahre zentrierte, nämlich Mobilität als massenhafte Aneignungsform der Technisierung sozialer Wirklichkeiten und Oberflächenhaftigkeit als massenhafte Aneignungsform ihrer Ästhetisierung. Beides wurde 1928/29 im Entwurf Martin Wagners für einen Weltstadtplatz zu einem funktionellen Ensemble aus Verkehr, Oberfläche und Ökonomie verschränkt. Der eigentliche theoretische Kern des Aufsatzes liegt in der Bestimmung der Massenkultur als zureichender Bedingung des Mythos, weil Massenkultur nicht nur das allgemeine Dispositiv für die soziale Aneignung artifizieller Wirklichkeiten wurde, sondern auch die soziale Realisierungsbedingung einer konstruktivistischen Disposition, die artifizielle Wirklichkeiten zur selbstverständlichen Lebenswelt macht und damit Musils Möglichkeitssinn im gesellschaftlichen Maßstab etabliert. Der semiologische Begriff des Mythos von Barthes, der den Mythos als sekundäres semiologisches System bestimmt, das Geschichte in Natur verwandelt und historisch entstandene Bedeutungen mit transhistorischen Ultra-Bedeutungen überformt, liefert das Interpretament, um diese Selbstbegründung als Ontologisierung massenkultureller Urbanität zu analysieren. Den Abschluss bildet eine Diagnose des neuen Potsdamer Platzes als Ort vollendeter Deterritorialisierung. Denn die Neubebauung der 90er Jahre zitiert den Mythos zwar, folgt ihm aber nicht mehr und signalisiert, dass die klassisch-moderne Kopplung immaterieller Qualitäten an materielle Referenzen ihre realitätskonstituierende Zentralität eingebüßt hat.

Vergesellschaftung durch Architektur. Gesellschaftstheoretische Aspekte der funktionellen Stadt.

Der Aufsatz entwickelt eine gesellschaftstheoretische Analyse der funktionalistischen Architekturmoderne, ausgehend von der These, dass Architektur in der Moderne nicht mehr nur als konstituierte Form, sondern als konstituierendes Medium sozialer Wirklichkeit auftritt. Im Zentrum steht die Utopie der funktionellen Stadt. Von Ledoux' protofunktionellen Idealstädten des späten 18. Jahrhunderts bis zu Le Corbusiers Entwurf der Ville Contemporaine von 1922 ist sie die paradigmatische Realisierung einer architekturgenerierten Vergesellschaftung, die über die infrastrukturelle Bewältigung sozialer Desintegrationsprobleme hinaus auf die materielle Institutionalisierung einer Optimierungsgesellschaft zielt. Die gesellschaftstheoretische Leitdifferenz dieser These ist die zwischen repräsentativer und konstruktiver Architektur. Während die vormoderne Idealstadt noch Ausdruck einer gegebenen politisch-sozialen Wirklichkeit war, ist die funktionelle Stadt deren eigenständige Herstellung, also eine Konstruktion im strikten Sinne einer reflexiv elaborierten artifiziellen Objektivität. Das Prinzip der Funktionstrennung erweist sich dabei als doppelt funktional. Es ist die strukturelle Garantie autonomer Eigenlogik der gesellschaftlichen Teilbereiche und zugleich die Bedingung ihrer konstruktivistischen Konstellierung zum komplexen interdependenten Ganzen. Die Analyse situiert die funktionelle Stadt im Schnittpunkt dreier konvergierender Tendenzen moderner Vergesellschaftung, nämlich disziplinärer Subjektivierung nach Maßgabe humanwissenschaftlicher Perfektibilitätskonzepte, wissenschaftlich-technischer Naturbeherrschung als konstruktivistischer Überbietung jeder nachahmenden Vollendung der Natur und ästhetischer Souveränität als privilegiertem Gestaltungsanspruch im Sozialen. Die funktionelle Stadt ist die architektonisch materialisierte Synthese dieser drei Tendenzen und zugleich das elaborierteste Konzept einer objektvermittelten, an dingontologischen Artefakten orientierten Vergesellschaftung des Industriezeitalters. Mit der historischen Durchsetzung der Massenkultur in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts tritt jedoch die tele-technische Deterritorialisierung an die Stelle bautechnischer Territorialisierung. Und an die Stelle der Dingontologie materialisierer Sozialverhältnisse tritt eine Modalontologie virtualisierter Sozialverhältnisse, also eine prinzipiell andere Form der artifiziellen Vergesellschaftung.

Historische Kontingenz und soziale Optimierung.

Der Aufsatz entwickelt eine modernitätstheoretische Analyse, die Hegels Bestimmung der absoluten Fixierung der Entzweiung als implizites Koordinatensystem verwendet, um eine funktionelle Disposition moderner Gesellschaften zu erschließen. Diese Disposition ist ihre Konstitution als Kontingenzgesellschaften. Die Leitthese lautet, dass Kontingenz in modernen Gesellschaften nicht als ontologisches factum brutum, sondern als variables Reflexionsprodukt zu fassen ist, das heißt als eine im Sozialen erschlossene und modifizierte Spannung von Wirklichkeit und Möglichkeit, die den spezifischen Möglichkeitshorizont einer Gesellschaft konstituiert. Der erste Schritt entwickelt eine Differenzierung der logisch-ontologischen Ambivalenz des Kontingenten in Handlungskontingenz (das Verfügbar-Disponible) und Ereigniskontingenz (das Unverfügbar-Zufällige), aus der zwei strukturelle Grundprobleme folgen: das Interferenzproblem und das Orientierungsproblem. Der zweite Schritt rekonstruiert die historische Transformation dieser Problematik: Während die antike Kontingenz auf Handlungskontingenz beschränkt blieb, so dass nur Ereignisse kontingent waren, nicht aber Ereignishorizonte, erfaßt die neuzeitliche Kontingenz den Handlungsbereich selbst und generiert ein prinzipiell offenes konstruktivistisches Möglichkeitsbewusstsein. Der dritte Schritt analysiert die disziplinäre Vergesellschaftung seit der frühen Neuzeit als epochale Antwort auf diese Situation, die das Spannungsfeld von Selbsterhaltung und Selbstentfaltung, von Kontingenzbegrenzung und Kontingenznutzung institutionalisiert. Das wird anhand der Entwicklung von der Sozialdisziplinierung der frühen Neuzeit über die Perfektibilitätsidee der Aufklärung bis zu den technokratischen Gesellschaftskonzepten der Klassischen Moderne konkretisiert. Zentral ist dabei die Unterscheidung zwischen Utopie und Optimierung: Während die Utopie eine definitive Reduktion von Kontingenz in einem idealen Endzustand anvisiert, steigert Optimierung als situativ extrapolierte und prinzipiell schrankenlose Überbietung Kontingenz und stellt die Verschiebung des gesellschaftlichen Möglichkeitshorizonts auf Dauer. Den Abschluss bildet eine Rückkehr zu Hegel: Entzweiung als Signatur der modernen Welt ist weder einseitig aufzulösen noch zu transzendieren, sondern als die historisch bestimmbare Rationalität zu begreifen, in der sich die Vernunft zu einer Zeit realisiert. In diesem Sinne ist die Spannung von Kontingenzbegrenzung und Kontingenznutzung die Rationalität, in der sich die moderne Vernunft realisiert.
1990 – 1999

Grenze und Horizont. Zwei soziale Abschlußparadigmen.

Der Aufsatz entwickelt eine systematische und historische Analyse zweier grundlegender Modalitäten, in denen Gesellschaften ihre Reichweite entwerfen und ihre Kontur festlegen: Grenze und Horizont als komplementäre, aber prinzipiell verschiedene Abschlussparadigmen. Die systematische These lautet: Grenzen schließen Wirklichkeitsbereiche ab und implizieren dabei ein reales Außen, das Überschreitung ermöglicht; Horizonte eröffnen Möglichkeitsbereiche und implizieren ein imaginäres Innen, das erweitert, aber nicht verlassen werden kann. Die historische These lautet, dass die europäische Neuzeit durch eine zunehmende Inkongruenz dieser beiden Abschlussparadigmen charakterisiert ist: das Auseinandertreten von Grenze und Horizont eröffnet einen potentiell unendlichen Möglichkeitsbereich, dessen Instrumentalisierung jenes konstruktivistische Selbst- und Weltverhältnis generiert, das sich im Sozialen als Gestaltung der Gesellschaft, im Technischen als Naturbeherrschung und im Ästhetischen als Autonomisierung der Kunst manifestiert. Die soziologische These lautet, dass die bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts die Horizontverschiebung zur Chiffre einer gesellschaftlichen Dynamik gemacht hat, die Optimierung an die Stelle der Überschreitung setzt und als Fortschritt geschichtsphilosophisch finalisiert. Grundlage dieser Analyse ist eine begriffsgeschichtliche Rekonstruktion beider Paradigmen, die ihre strukturelle Kongruenz im antiken und mittelalterlichen Verständnis – Grenze und Horizont fallen dort als Trennlinien zwischen bestimmter Wirklichkeit und unbestimmter Möglichkeit zusammen – und ihre neuzeitliche Ausdifferenzierung durch den Strukturwandel des Raumes freilegt: Territorialisierung der Grenze, Deterritorialisierung des Horizonts. Den Abschluss bildet eine Diagnose der Gegenwart: Die postmodernen, kulturellen und identitätspolitischen Grenzziehungen der Gegenwartsgesellschaften erscheinen als interne, deterritorialisierte Widerstandslinien gegen den Absolutismus der Möglichkeit – keine Rückkehr zu äußeren Grenzen, sondern abstrakte Markierungen gegen den Imperativ schrankenloser Perfektibilität.

Wirklichkeiten zwischen Literatur, Malerei und Sozialforschung.

Der Aufsatz entwickelt eine vergleichende Analyse ästhetischer und sozialwissenschaftlicher Verfahren der Wirklichkeitserschließung in der Klassischen Moderne, ausgehend von Blumenbergs historischer Typologie der Wirklichkeitsbegriffe. Die Leitthese lautet, dass spätestens in der Klassischen Moderne der 1920er Jahre ästhetische Erfahrung und sozialwissenschaftliche Erkenntnis kein konkurrierendes, sondern ein funktionelles Kontinuum bilden, insofern beide die prinzipielle Gegenstandsunsicherheit moderner Wirklichkeiten produktiv wenden: als positiven Ausgangspunkt von Verfahren, die auf die Überwindung des Impressionismus und auf den Erwerb von Realitätskonstruktionen zielen, die nicht realienbezogen, sondern realitätsbezogen operieren. Das tertium comparationis bildet der Kubismus als Verfahrenskontinuum zwischen kombinatorischer Montage und abstrahierender Synthese. An zwei sozialwissenschaftlichen Studien wird die These exemplifiziert und differenziert: Kracauers »Die Angestellten« (1930) und Jahoda/Lazarsfeld/Zeisels »Die Arbeitslosen von Marienthal« (1933). Kracauer führt, von der Benjaminschen Allegorie her, ein Konzept der kombinatorischen Montage in die soziologische Realitätskonstruktion ein, das auf die prä-abstrakte Seite des kubistischen Verfahrens verweist und durch Insistenz auf den konkreten Phänomenen den Weg in die Abstraktion blockiert; sein Ausgangspunkt ist die fragmentierte, sinnentleerte Wirklichkeit der Moderne. Lazarsfeld dagegen entwickelt mit der integralen Interpretation ein Verfahren der abstrahierenden Synthese, das ein Zwischending zwischen Analogie und Modell ist und die abstrakt-synthetische Seite des kubistischen Verfahrens in der Quantifizierung zum Objektivitätskriterium macht; sein Ausgangspunkt ist eine perspektivische, komplexe, unüberschaubare Wirklichkeit. Die Differenz zwischen beiden Konzepten – kombinatorische Montage versus abstrahierende Synthese – erweist sich als prinzipiell und nicht nur graduell: Lazarsfelds Konstruktivismus zielt nicht wie derjenige Kracauers auf Sinn, sondern auf Objektivität.

Modernität als Kontingenzkultur. Konturen eines Konzepts.

Der grundlegende Aufsatz des gesamten Theorieprogramms entwickelt ein modernitätstheoretisches Konzept, das Modernität strukturell als Kontingenzkultur bestimmt: als eine Epoche, die von dem Grundgedanken geprägt ist, dass nicht sein muss, was ist, und die aus diesem Kontingenzbewusstsein ihr spezifisches Selbstverständnis bezieht. Ausgangspunkt ist eine historisch-systematische Rekonstruktion des Kontingenzbegriffs in seiner logisch-ontologischen Ambivalenz – Kontingenz als Zufallsbereich (das Unverfügbare) und als Handlungsbereich (das Verfügbare) – sowie seiner historischen Varianz, die allein die sozialwissenschaftliche Verwendung des Begriffs über das Niveau der Trivialität hebt. Die nautische Metaphorik dient als Leitfaden für die Exposition des neuzeitlichen Ordnungswandels: von der geschlossenen Ordnung klassischen Typs, in der Kontingenz allenfalls die Außengrenze einer substanziell fundierten Gesamtordnung markiert, zur modernen Ordnung, in der Wirklichkeit selbst heterogen und plural wird und Kontingenz zu einem konstitutiven Moment des Selbst- und Weltverständnisses avanciert. Die eigentlich modernitätstheoretische These lautet, dass aus dieser Situation zwei spezifisch moderne strategische Dispositionen hervorgehen, die trotz aller historischen Konflikte als systematisch komplementäre Tendenzen zu lesen sind: soziale Normalisierung als Antwort auf das Ordnungsproblem, ästhetische Souveränität als Antwort auf das Wirklichkeitsproblem der neuzeitlichen Kontingenz. Beide verbindet eine konstruktivistische Rationalität, deren Strukturformel lautet: Kontingenzbegrenzung durch gezielte Kontingenznutzung. Die Synopse beider Tendenzen kulminiert im Beispiel der Architekturavantgarde der Klassischen Moderne. Den Abschluss bildet eine Deutung des radikalen Modernitätsdiskurses der 20er Jahre als dichotomische Polarisierung zwischen finaler Kontingenzaufhebung und finaler Kontingenzaffirmation. Es ist eine Polarisierung, die das Spannungsfeld von Modernität als Kontingenzkultur ungewollt bekräftigt und über die auch die postmoderne Positivierung der Kontingenz nicht wirklich hinausführt.

Foucaults Moderne.

Die Studie rekonstruiert Foucaults theoretisches Unternehmen als großangelegte Theorie der Moderne, die er in der Tradition von Hegel bis Weber als Ontologie der Gegenwart konzipiert hat, die nicht eine Analytik der Wahrheitsbedingungen, sondern eine Analyse des spezifischen Feldes möglicher Erfahrung in den modernen abendländischen Gesellschaften sein soll. Das dreidimensionale Koordinatensystem von Wissen, Macht und Subjektivität entfaltet Foucault dabei so, dass jede systematische Form sofort mit ihrer historischen Kontingenz konfrontiert wird – Wissen als diskursives Produkt, Macht als relationales Kraftverhältnis, Subjektivität als historisch variabler Selbstbezug. Die methodische Pointe liegt in der Verbindung von Historisierung durch De-Ontologisierung (Archäologie, Genealogie) und Alienisierung durch De-Semantisierung (Diskursanalyse, Dispositivanalyse) als wechselseitig kontrollierter doppelter Distanzierung von den Evidenzen europäischer Modernität. Inhaltlich zielt Foucaults Analyse auf die Bio-Macht als paradigmatische Machttechnologie moderner Gesellschaften und exponiert jene Transformation von der Souveränitätsmacht (juridisches und existenzielles Paradigma, Recht über Leben und Tod) zur Normalisierungsmacht (Disziplin und regulierende Kontrolle als Technologien der Optimierung des Lebens), die seit dem 17. Jahrhundert die europäischen Gesellschaften formiert hat. Die biopolitische Dimension dieser Analyse, nämlich die Frage, wie die Rationalisierung zur mörderischen Raserei der Macht führt, mündet in Foucaults These vom Rassismus als technologischem, nicht ideologischem Element moderner Macht, das die Tötungsfunktion innerhalb der Bio-Macht sichert und in zwei historischen Formen konkret wurde: als ethnischer Staatsrassismus im Nationalsozialismus und als evolutionistischer Sozialrassismus im Kommunismus. Am Ende steht Foucaults Selbstprogrammatik des Intellektuellen als Zerstörer von Evidenzen und Universalien als Voraussetzung einer anderen Politik der Wahrheit.

Plessners Fremdheit in der Klassischen Moderne.

Die Studie rekonstruiert Plessners theoretische Selbstpositionierung im Diskurs der Klassischen Moderne als eine doppelte, strategisch kalkulierte Abgrenzungsbewegung. Gegen den dominanten Erwartungshorizont der 20er Jahre mit seiner quer durch die politischen Lager geteilten Sehnsucht nach einer neuen sinnhaften Wirklichkeit, die alle Fremdheit einholt und alle Entfremdung aufhebt, setzt Plessner die anthropologische These der konstitutiven Heimatlosigkeit des Menschen und beklagt nicht die moderne transzendentale Obdachlosigkeit im Sinne von Lukács, sondern betont die exzentrische Lebensform des Menschen und sein unaufhebbares Stehen im Nirgendwo als strukturelle Bedingung seiner Offenheit. Zugleich grenzt Plessner sich gegen die radikalisierte Entgegensetzung von Wirklichkeit und Möglichkeit und jene Erhebung des Konjunktivs zum endlosen Selbst- und Weltbezug ab, die Musils »Mann ohne Eigenschaften« ironisch durchspielt. Das kategoriale Instrument dieser zweifachen Distanzierung ist die Heisenbergsche Unbestimmtheitsrelation als anthropologisches Modell: Der Mensch steht weder im Indikativ bindender Wirklichkeit noch im Konjunktiv uferloser Möglichkeitsoffenheit, sondern in der Unbestimmtheitsrelation zu sich selbst, die Möglichkeitsoffenheit und situative Begrenzung zugleich impliziert. Die selige Fremde, die Plessners Gegenbegriff zur epochencharakteristischen Heimatemphase ist, bezeichnet damit keine Gegenutopie, sondern eine offene Disposition, die das Fremde als das Eigene im Anderen und Unheimlichkeit als anthropologische Verfassung akzeptiert. Plessner steht damit in den 20er Jahren und weist zugleich über sie hinaus, indem er selbst eine exzentrische Position im wörtlichen Sinne einnimmt.

Grenzziehung. Das Fremde und das Andere.

Der Essay entwickelt eine begriffliche Differenzierung zwischen dem Anderen und dem Fremden, dem Eigenen und dem Vertrauten, die deren wechselseitige Konstitution freilegt. Das Fremde ist nicht das schlechthin Andere, sondern eine spezifische Formierung des Anderen. Es ist eine Konstruktion, die entsteht, wenn das Eigene seine fraglose Evidenz verliert und das nicht Integrierbare gegen einen reduzierten Kern des Vertrauten abgegrenzt wird. Fremdheit ist damit primär ein Symptom der Fragwürdigkeit des Eigenen, nicht eine Eigenschaft des Anderen. Der Essay zeigt, dass in modernen Gesellschaften, die das Eigene als prinzipiell disponibel und veränderlich begreifen, die Grenze zwischen Eigenem und Anderem ihren absoluten Charakter verliert und willkürlich gesetzt werden muss – woraus eine strukturelle Tendenz zur pauschalen Codierung des Anderen als Fremdes folgt. Die Konjunktur von Fremdheits- und Überfremdungsdiskursen erscheint so als Krisensymptom: als Versuch, die Kontingenz, die das Andere repräsentiert, durch Grenzziehung zu beenden.

Tendenzen der Zwanziger Jahre. Zum Diskurs der Klassischen Moderne in Deutschland.

Der Aufsatz rekonstruiert den Diskurs der Klassischen Moderne in Deutschland als Reaktion auf eine doppelte Erfahrung: den traumatischen Wirklichkeitsverfall nach dem Ersten Weltkrieg und die erstmalige umfassende Präsenz von Modernität als heterogener, ontologisch nicht fundierter Pluralität. Die These lautet, dass der dominante Diskurs der 20er Jahre trotz aller inhaltlichen und politischen Differenzen zwischen Schmitt, Benjamin, Lukács, Benn und Kracauer in seiner Tiefenstruktur auf Kontingenzaufhebung durch souveräne Setzung neuer Totalität, auf Evokation ontologischer Evidenz durch ästhetische Techniken oder auf regressive Beschwörung substanzieller Wesensmerkmale finalisiert war. Als theoretisch entscheidende Dichotomie des Jahrzehnts erweist sich damit nicht der Gegensatz von rechts und links, sondern der zwischen Kontingenzaufhebung und Kontingenztoleranz – eine Dichotomie, die an Gegenpositionen wie Musils funktionalistischem Denken, Hellers demokratietheoretischem Antagonismuskonzept und Plessners anthropologischer Begründung konstitutiver Heimatlosigkeit entwickelt wird.

Möglichkeitsbändigungen. Disziplin und Versicherung als Konzepte zur sozialen Steuerung von Kontingenz.

Der Aufsatz entwickelt eine sozialtheoretische Analyse der zwei paradigmatischen Strategien, mit denen moderne Gesellschaften auf die neuzeitliche Expansion des Möglichkeitshorizontes reagieren. Ausgangspunkt ist die strukturelle Ambivalenz des Kontingenten: Es bezeichnet gleichermaßen das Unverfügbare. also den Zufall und das Schicksal, wie das Verfügbare, nämlich den offenen Handlungsbereich menschlicher Praxis. Diese Ambivalenz hat in der Neuzeit zwei komplementäre, aber einander entgegengesetzte Steuerungskonzepte hervorgebracht. Das erste ist die Disziplin, deren Linie von der frühneuzeitlichen Sozialdisziplinierung über Foucaults normalisierende Disziplinargesellschaft bis zur gesellschaftssanitären Polizeikonzeption des BKA-Chefs Horst Herold reicht. Sie zielt auf Kontingenzaufhebung durch die Ausweitung der Naturbeherrschungslogik auf soziale Prozesse, also auf die möglichst vollständige Ausschaltung des Unberechenbaren aus sozialen Wirklickeiten – was gemeinhin ebenso pauschal wie unterkomplex und sachverhaltswidrig als Kontingenzbewältigung bezeichnet wird. Das zweite ist die Versicherung, die Kontingenz nicht beseitigt, sondern als Bedingung menschlicher Handlungsmöglichkeit managt, kultiviert und ihre eventuellen negativen Folgen präventiv oder kompensatorisch auffängt. Beide Konzepte werden in ihrer historischen Entwicklung, ihren erkenntnistheoretischen Grundlagen und ihren semantischen Dimensionen rekonstruiert. Der Akzent der Argumentation liegt auf dem Nachweis, dass das Spannungsfeld zwischen Aufhebung und Management von Kontingenz den strategisch unüberschreitbaren Horizont moderner Gesellschaftspolitik bildet.
1980 – 1989

Valérys Moderne.

Der Essay entwickelt Paul Valérys Modernitätstheorie als strukturelle Bestimmung der modernen Erfahrung. Modernität ist für Valéry kein Krisenzustand im kulturpessimistischen Sinne, sondern die zur Selbstverständlichkeit gewordene Koexistenz heterogener, einander widersprechender Wirklichkeiten, Werte und Orientierungen, die problemlos nebeneinander existieren. Valéry nimmt diese inhaltsleere, rein formale Beschreibung mit auffälliger analytischer Nüchternheit vor. In Abgrenzung sowohl von der Avantgarde, die auf Aufhebung der Heterogenität in neuer Totalität zielt, als auch von den zeitgenössischen deutschen Krisendiagnosen, die Modernität zum Ausnahmezustand radikalisieren, entwirft Valéry eine Position, in der der Geist als Agent des Nicht-Existenten und des Möglichen alle lebensweltlichen Finalisierungen unterläuft, weil er ein Agent der Veränderung sei, die selbst seine eigenen Hervorbringungen erfaßt. Der Geist ist für Valéry ein Agent der Transmutation, der alle materiellen und mentalen Gegenstände verändert. Er wendet sich gegen die Wiederholung und die Lebensmaschine, da das Leben eine monotone Praxis ist. Valérys Geist stellt sich gegen die Übereinkünfte und sogar gegen die Tatsachen und die Evidenz. Plessners Begriff des Ungrundes wird zur impliziten Folie dieser Deutung, denn Valérys Geist ist das kategoriale Gegenteil jeder substantiellen Fundierung der Wirklichkeit. Nicht zuletzt aber ist er ein nonkonformistischer, beinahe asozialer Rebell par excellence, der die Unordnung nicht beklagt, sondern gerade umgekehrt als Bedingung seiner eigenen Tätigkeit begreift.

Der Mann auf der Grenze. Robert Ezra Park und die Chancen einer heterogenen Gesellschaft.

Der Aufsatz rekonstruiert Robert Ezra Parks Soziologie der 1920er Jahre, ausgehend von einer autobiographischen Notiz als exemplarischer Existenz auf der Grenze zwischen Kulturen, als Theorie heterogener Gesellschaften. Im Zentrum steht Parks Konzept des marginal man, der gerade keine Randexistenz, sondern die Zentralgestalt der Moderne sei, weil er einen Persönlichkeitstyp realisiere, der in zwei antagonistischen Kulturen zugleich lebt und dessen konstitutive Ambivalenz zur dauerhaften Lebensform wird. Parks marginal man ist in dieser Perspektive der Inbegriff des modernen Menschen. In kritischer Auseinandersetzung mit Georg Simmels Fremdem, der sich mit einer homogenen Gemeinschaft konfrontiert sieht, begreift Park Heterogenität nicht als integrationsbedürftiges Defizit, sondern als strukturelle Bedingung individueller Freiheit in der Großstadt, die ihrerseits wiederum ein pars pro toto der modernen Gesellschaft sei. Die segmentierte Großstadt erscheint dabei als sozialer Raum, der Homogenisierung verhindert und Urbanität als irreversible Freiheitserfahrung ermöglicht – eine Perspektive, die sich scharf von den gleichzeitigen deutschen Diskursen über Entfremdung, Heimatlosigkeit, Wirklichkeitszertrümmerung und Ausnahmezustand absetzt.

Revolte für eine andere Stadt (mit Rudolf Lüscher).

Der Essay analysiert die urbanen Jugendrevolten der frühen 1980er Jahre in der Schweiz am Beispiel der Zürcher Bewegung als Forderungen nach Einlösung eines strukturellen Versprechens, das die moderne Stadt laufend gibt und laufend bricht, nämlich das Versprechen der Urbanität als freier Vermischung heterogener Lebensformen. Die Revolten sind keine antisozialen Auflehnungen und noch weniger Forderungen nach einem Rückzug ins Ländliche, sondern ein Protest gegen die administrative Privilegierung des Sozialen, die kontingente, unberechenbare Momente des städtischen Lebens zugunsten funktionaler Ordnung kanalisiert und Urbanität auf diese Weise zur bloßen Fassade reduziert. Die Analyse verbindet stadtsoziologische Beobachtungen – unter anderem an Le Corbusiers radikalem Funktionalismus und dem gegenüber Rem Koolhaas' Konzept einer Kultur der Übervölkerung – mit einer Theorie des Politischen, die diese Revolten insofern als Überschreitung des Politischen deutet, weil sie gerade nicht hinter das Politische zurückfallen, sondern auf eine Lebensform zielen, in der eine politische Stadtgesellschaft zur Basisstruktur des Sozialen würde.